Workshops 2017

  • Frei und ermächtigt, fit und schön – so und ähnlich sollen sie sein, die „Top Girls“ des Neoliberalismus. Wir fragen nach den Normen weiblicher Individualisierung hier und heute und beschäftigen uns dazu unter anderem mit Ratgeber-Literatur und Werbekampagnen. (Diskursanalyse)
  • Erinnerungsarbeit: Als ich mich bei einem Regelverstoß schuldig fühlte…
  • Wir werden nicht als Frauen geboren… Wie und inwiefern vergesellschaften wir uns als Frauen bzw. wie werden wir vergesellschaftet? Wie können wir uns als Frauen befreien und zugleich die herrschenden Geschlechternormen in Frage stellen? (Auseinandersetzung mit Gender-Politiken)
  • Vergeschlechtlichte Lebensträume und Lebensführung, zwischen Normalisierung und Subversion. Zukunftserwartungen von Kindern und Jugendlichen – und was aus ihnen wird…
  • Die 4-in-Einem-Perspektive: ein Projekt des Guten Lebens, für das es sich zu kämpfen lohnt?
  • Ist das noch gesund? /Wie gesund ist das denn? Psychiatrie, Psychologie und Medizin als Normalisierungsinstanzen – und wir darin.
  • Im Kollektiv Zuhause sein?

 


Im Kollektiv Zuhause sein?

Auseinandersetzung mit dem Wunsch nach „Zeit für mich“.
Starke Frauen klagen nicht, sie wissen Job und Familie „in Balance“ zu halten und sehen dabei auch noch sexy aus. Sie treffen die richtigen Entscheidungen, wählen den richtigen Job und den richtigen Lebenspartner. Ihren Nachwuchs haben sie perfekt getimt und optimieren ihn schon pränatal. Sich richtig „reinhängen“, rät Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von facebook. Empowerment ist das neue Zauberwort, mit der neuerdings T-Shirts und Gesichtscremes an die selbstbewusste Frau gebracht werden sollen. In den Erfolgsgeschichten jener, die es geschafft haben, kommen Freundinnenschaft und Solidarität nicht vor. Überspitzt lässt sich so das neoliberale Frauenideal beschreiben. Die „neuen Heldinnen“ machen aber auch Mut, räumen mit Vorurteilen auf, erweitern Möglichkeitsräume. Sie Begehren gegen Fremdbestimmung auf, indem sie individuelle Selbstbestimmung leben und propagieren.
Das „Wir“ wird solcher Selbstbestimmung gerne als feindlich gegenüber gestellt. Doch nicht voneinander isoliert, im quasi luftleeren Raum, sondern erst in Gemeinschaft und Gesellschaft, mit und durch die anderen, werden wir zu Individuen. Als marxistische Feministinnen streiten wir für ein Gemeinwesen, in dem „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Wir sprechen von kollektiven Rechten und davon, „ alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“
Dieser Widerspruch zerreißt uns, wenn wir ihn nicht bearbeiten, die Spannungen zwischen Ich und Wir gehen mitten durch uns hindurch. Wir werden ihrer gewahr als widerstreitende Bedürfnisse, z.B. wenn wir Zeit für uns reklamieren und uns aus Kollektiven zurückziehen, weil wir dort nicht bei uns sind. Wenn wir möglichst lange unverbindlich bleiben, uns scheuen, für ein gemeinsames Projekt Verantwortung zu übernehmen. Wenn der „Wärmestrom“, den jedes Kollektiv benötigt, versiegt zu sein scheint, wenn sich Unlust und Langeweile einstellen. Wenn wir uns für entbehrlich halten und uns und andere gering schätzen.
In diesem Workshop wollen wir uns wertschätzend und selbstkritisch mit unseren eigenen widerstreitenden Bedürfnissen und Begehren auseinandersetzen.
Arbeitsweise / Vorbereitung:
Zum Einstieg stellen wir Thesen vor und möchten Euch einladen, diese mit eigenen Erfahrungen zwischen „Ich“ und „Wir“ in Dialog zu bringen, zu prüfen und weiter zu entwickeln. Es wäre wunderbar, wenn Ihr Beispiele, die Ihr gerne zur Diskussion stellen möchtet, als kleine schriftliche Skizzen mitbringt. Gemeinsam wollen wir schließlich der Frage nachgehen, ob und wie es möglich ist, dass wir im Kollektiv Zuhause sind.


Workshop Erinnerungsarbeit: Als ich mich bei einem Regelverstoß schuldig fühlte…
Normen blind zu befolgen, schadet uns selbst – allein gegen sie zu verstoßen, macht uns noch nicht handlungsfähig< heißt es in der Einleitung.
Wir wissen ja eigentlich, dass wir wachsam gegenüber Normierungen, Gewohnheiten, Ritualen sein müssen, die uns in einem Leben festhalten, das wir so nicht leben bzw. dessen Grenzen in ein möglich anderes wir überschreiten wollen.
Aber zugleich erleben wir, dass das Gewohnte, das Geregelte verführerisch sein kann, uns besticht mit dem Angebot einer Struktur, die unseren Alltag, die Art und Weise, wie wir mit anderen zusammenkommen und wie wir die Lebensbereiche voneinander abgrenzen, regelt. Eine solche Struktur kann uns auch Halt geben, die Sicherheit, aufgehoben zu sein, den Rücken frei zu haben für die Bereiche, in denen wir uns dezidiert einsetzen wollen für Veränderungen. Aber auch in diesen selbst gibt es Normierungen, Regelungen, Selbstverständlichkeiten.
Viele von euch kennen sicher Situationen, in denen sie am liebsten im Erdboden verschwunden wären, sich gar schämten, weil sie merkten, dass sie sich „falsch“ verhalten, gegen eine unausgesprochene Regel verstoßen haben. Wir denken, dass Schuldgefühle eine wichtige Instanz in den Prozessen unserer Normierung sind. Sie sind unangenehm, wir lernen, sie durch Anpassung an das Übliche zu vermeiden – und normalisieren uns. Umso wichtiger scheint uns, genauer herauszufinden, wie Schuldgefühle im Zusammenhang mit einem Regelverstoß bei uns selbst eigentlich entstehen. Das kann uns über die eigene Beteiligung an unserer Normierung Aufschluss geben; zugleich können wir vielleicht Möglichkeiten aufzeigen, wie wir selbstbewusst und ohne moralische Fesselung die Sinnhaftigkeit von Normen für unsere Handlungsfähigkeit auf die Agenda setzen.
Konkret wollen wir im Workshop eigene Erlebnisse, die uns beim Stichwort „Regelverstoß“ und „Schuldgefühle“ einfallen, in kleinen Aufsätzen – wir nennen sie Szenen – aufschreiben und mit der Methode der kollektiven Erinnerungsarbeit (Frigga Haug) systematisch bearbeiten. Als Thema für die Geschichten schlagen wir vor:
„Als ich einmal gegen eine Regel verstieß und mich schuldig fühlte“
Wir erwarten von allen, die an dem Workshop teilnehmen möchten, dass sie möglichst kurz (nicht länger als eine DIN A4-Seite, eher kürzer), aber so detailliert wie möglich ein Erlebnis mit Akteurinnen und Akteuren aufschreiben, das ihnen zu diesem Thema einfällt. Diese Texte sind dann das Material, das wir nach methodisch genau festgelegten Schritten gemeinsam bearbeiten. Genauere Informationen schicken wir allen, die sich für den Workshop anmelden. Versprechen können wir euch, dass es viel Spaß macht, mit dieser Methode zu arbeiten, und immer überraschende Ergebnisse dabei herauskommen.
Wir gestalten den Workshop so, dass nach der Vormittagsphase gewechselt werden kann. Wer nachmittags hinzu kommt, sollte allerdings Erfahrungen mit Erinnerungsarbeit mitbringen. Wir werden in die Methode vormittags, aber nicht noch einmal nachmittags einführen.
Wer sich vorab genauer über die Methode der Erinnerungsarbeit informieren möchte:
Ein Leitfaden zur Methode von Frigga Haug gibt es hier.


Die restlichen Workshopbeschreibungen folgen in Kürze.


 

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