Dabei bleiben!
Der Bericht zur FemHak zum Download: Dokumentation 2025
Die Zukunft ist umkämpft und feministische Einmischung dringend geboten, um für ein solidarisches Gemeinwesen zu streiten. Dazu braucht es langen Atem. Mit Blick zurück nach vorn: Was sind unsere Gründe dafür, immer noch Mut und Hoffnung zu haben? Was brauchen wir, um in Zukunft „dabei“ zu bleiben? Nichts von dem ist selbstverständlich. Und wie machen wir Politik und lernen gemeinsam, sodass andere mitmachen wollen?
Als marxistische Feministinnen streiten wir gegen Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung, hinterfragen hierarchische Arbeitsteilungen und setzen uns ein für das Recht aller, sich frei zu entwickeln. Auch dabei wollen wir bleiben. Die Vier-in-Einem-Perspektive nach Frigga Haug ist uns dazu ein wichtiger Kompass, der immer wieder aufs Neue justiert werden will.
Darüber haben wir vom 10. bis 12. Oktober 2025 im Bunten Haus Bielefeld gemeinsam diskutiert und in Workshops nützliches Werkzeug erprobt.
Das waren unsere Workshops:
Kriegsertüchtigung – oder wie die Heimatfront gebildet wird
mit Sünne Andresen und Sigrun Matthiesen
Glauben wir veröffentlichten Statistiken, dann unterstützen ¾ der Deutschen das Ziel der Aufrüstung. Auch die Linke ist in dieser Frage gespalten. Die alte Parole „Frieden schaffen durch Waffen“ verfängt (wieder). Wie positionieren wir uns in dieser Gemengelage? Inwiefern ist der Aufrüstungsdiskurs vergeschlechtlicht? Auf welche Krisen wird hier wirklich gezielt und geschossen? Diese und weitere Fragen der »inneren Aufrüstung« wollen wir mit Hilfe der Brechtschen Methode des axiomatischen Feldes bearbeiten.
„Trotz Holocaust – Ich leb‘ so gern“
mit Ulrike Cordier
Was hat der „Widerstand im Alltag“ der NS-Verfolgten Gerda M. Meyer mit uns zu tun? Wie können wir aus ihren Tagebuchnotizen Kraft für unser eigenes Leben, unsere politische Arbeit schöpfen? Im Film „In den Seiten der Zeit – Ich leb‘ so gern“ nehmen uns 18 Studierende der Alice Salomon Hochschule, Berlin, mit auf ihre künstlerisch-performative Auseinandersetzung mit diesen Fragen.
Im Workshop erforschen wir zunächst durch Lesen von Tagebuchauszügen und Original Fotos das Leben von Gerda M. Meyer im Kontext historischer Ereignisse während des Holocaust. Der anschließende 67-minütige Film inspiriert uns für die Reflexion und Erarbeitung individueller Kraftquellen, die uns stärken, um bei den Herausforderungen unserer Zeit „dabei zu bleiben“.
Der Workshop wurde vorbereitet in Kooperation mit dem Historikerlabor e.V., Berlin.
“Back to the roots“ – Grundlagentexte des Marxismus-Feminismus
mit Jutta Meyer-Siebert und Günseli Yilmaz
Back to the roots
„Jede Unterdrückung, die nicht mit äußerem Zwang arbeitet, muss um die Zustimmung der Beteiligten ringen.“
„Auch das sich Opfern ist eine Tat“
1983 mischte Frigga Haug auf der Berliner Volksuni mit ihrem legendären Vortrag „Frauen – Opfer oder Täter“ die Frauenbewegung auf und löste landesweite anhaltende Debatten im sozialistischen wie im autonomen Teil der Frauenbewegung aus.
2011 schaffte es Friggas nicht weniger revolutionäre These „Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse“ – 2001 zum ersten Mal veröffentlicht in Das Argument 243 (und 2009 mit der Vier-in-einem-Perspektive in einen Vorschlag revolutionärer Realpolitik übersetzt) – nach hartnäckigen feministischen Kämpfen immerhin als Überschrift ins Parteiprogramm der LINKE – und schlummert dort ein wenig vor sich hin. Ihre Wirkmächtigkeit für die linke, feministische Bewegung ist nahezu in Vergessenheit geraten.
In der Werkstatt wollen wir die von Frigga beim Gehen erkundeten marxistisch-feministischen Wege mit Auszügen aus beiden Texten nachvollziehen.
Inwiefern sind diese Texte für die heutige Bewegung relevant? Provozieren sie uns auch heute noch?
Die beiden Texte zu kennen ist keine Voraussetzung. Wir werden sie uns mit der Methode des close reading gemeinsam aneignen.
Vier-in-Einem auf die Bühne
Wir wollen ein kurzes Theaterstück zu 4-in-1 gemeinsam schreiben und vorführen. Dazu brauchen wir eine kleine Gruppe, die vorbereitet, die Ideen und Aufbau des Stücks entwickelt.
Zwischen Aufbruch und Enttäuschung – „Sororidad“ als nützliche Praxis
mit Valentina Caviedes Kassner und Melanie Stitz
Weit über Lateinamerika hinaus haben die Kämpfe und Erfolge der feministischen Bewegungen Hoffnung gemacht und inspiriert. Entsprechend schmerzhaft haben viele die Niederlagen erlebt: eine Mehrheit stimmte in Chile gegen eine neue Verfassung, rechte Regierungen kommen (wieder) zur Macht, Repression und ökonomische Krisen treffen die Schwächsten.
Was heißt unter solchen Bedingungen „dabei bleiben“? Was können wir dazu von lateinamerikanischen Feminist*innen lernen? Was bedeutet Sororidad (soror = Schwester; solidaridad = Solidarität) in der Praxis, z.B. in Chile, in der Migration, hier für uns…?
Valentina wird über feministische Bewegung in Chile und Erfahrungen in der Migration berichten. Wir lesen kurze Texte, sprechen über unseren eigenen Umgang – persönlich und kollektiv – mit Enttäuschung und fragen, was Sororidad für unser Handeln bedeutet.
Workshop Feminist History Walk – eine Entdeckungsreise durch die Geschichte feministischer Kämpfe
mit Regina Jürgens
Der Feminist History Walk – eine Sammlung von Zitaten aus den letzten 230 Jahren – nimmt uns mit auf eine Reise durch die Vergangenheit und Gegenwart feministischer Kämpfe, Errungenschaften und Rückschläge – auch außerhalb Europas sowie im Globalen Süden. Wir erarbeiten uns gemeinsam eine Galerie, die sichtbar macht, dass heutige Errungenschaften Ergebnisse vergangener Kämpfe sind, und wir schaffen uns ein Bewusstsein dafür, wem wir diese Errungenschaften verdanken, welche Kämpfe wir weiterführen wollen oder müssen, welche Sehnsüchte noch uneingelöst sind und welche Versprechen noch brach liegen.