Marxistin-Feministin sein. Ein im Gehen zu erkundender Weg
Feminismus ist ein umkämpfter Begriff – nicht erst, seit im Namen «feministischer Außenpolitik» Militärbudgets erhöht werden… Worum geht es uns, wenn wir von Feminismus sprechen? Welche Veränderungen wollen wir als marxistische, linke Feministinnen erkämpfen? Auf welche theoretischen Grundlagen können wir uns beziehen? Woher kommen wir, wo stehen wir heute, wohin lenken wir unsere Schritte?
Gemeinsam haben wir Möglichkeiten und Hindernissen für feministische Kämpfe ums Ganze ausgelotet.
Die Dokumentation zum Nachlesen: Protokoll 2023
Das waren unsere Workshops:
Workshop Theorie und Feminismus
Mit Kristin Bönicke und Günseli Yılmaz
In diesem Workshop wollen wir der Frage nach der Funktion und Notwendigkeit von Theorie als Basis feministischer Bewegung nachgehen. Die theoretische Auseinandersetzung wird häufig als Gegenstück zur Praxis verstanden. Doch in welchem Verhältnis stehen Theorie und Praxis zueinander? Welche Funktion erfüllt die theoretische Auseinandersetzung und was macht sie zu einem notwendigen Bestandteil politischer Bewegungen? Diese und weitere Fragen wollen wir im Laufe des Workshops klären, indem wir uns gemeinsam zurückerinnern an Texte und Momente, die uns wesentliche Erkenntnisse brachten – Wissen, welches wir dann als Werkzeug einsetzen können, um konkrete Probleme zu lösen.
Wir freuen uns zu erfahren, was eure Berührungspunkte mit Theorie sind und waren. Wenn es bisher keine gibt, hoffen wir euch den Zugang durch diesen Workshop zu erleichtern.
Workshop Feministische Außenpolitik ZWEI
Mit Alex Mehdi, Anna Conrads, Sabine Skubsch
Auf der Herbstakademie 2022 haben wir uns bereits mit „Feministischer Außenpolitik“ (FAP) beschäftigt und festgestellt, dass damit der Feminismus für die deutschen nationalen Sicherheitsinteressen funktionalisiert wird. Mittlerweile hat Außenministerin Baerbock Leitlinien zu FAP herausgegeben.
Diesmal wollen wir uns zunächst damit beschäftigen, was Baerbock aus der Idee der feministischen Außenpolitik, die seit dem Ersten Weltkrieg von Feministinnen diskutiert wird, macht. Welchen Zweck verfolgt eine FAP, die die geschlechtsspezifischen Risiken in Wirtschaftsprozessen thematisiert, aber die internationale Arbeitsteilung an sich unangetastet lässt? Inwieweit sind wir als Mit-Profiteurinnen der internationalen Arbeitsteilung Komplizinnen? Welchen Zweck verfolgt eine FAP, die zwar vorgibt, Frauen zu berücksichtigen, aber gleichzeitig paternalistisch die Themen bestimmt? Welchen Zweck verfolgt eine FAP, die zwar gendersensible Kriterien im Rüstungskontrollgesetz verankern will, aber gleichzeitig die Rüstungsexporte ausweitet?
Im zweiten Teil geht es um die Fragen: Wie gelangen wir zur Handlungsmacht gegen die ungerechte Welt(wirtschafts)ordnung? Kann FAP – festgelegt auf den bürgerlichen Nationalstaat – überhaupt eine sozialistische Perspektive haben? Wir beschäftigen uns mit postkolonialen feministischen Utopien und Perspektiven sowie Konzepten revolutionärer Realpolitik.
Workshop Feminist History Walk – eine Entdeckungsreise durch die Geschichte feministischer Kämpfe
Mit Heidi Scharf und Regina Jürgens
Der Feminist History Walk nimmt uns mit auf eine Reise durch die Vergangenheit und Gegenwart feministischer Kämpfe, Errungenschaften und Rückschläge. Dabei nehmen wir Bezug auf die vergangenen 230 Jahre von 1791–2021 und erweitern unseren Blick auf außereuropäische Personen, Ereignisse und Zitate aus dem Globalen Süden. Geschichte lässt sich nicht nur anhand von einzelnen Persönlichkeiten schreiben, Entwicklungen nicht auf chronologische Abfolge von Taten großer Heldinnen reduzieren. Dennoch erzählen wir Erfolg oder Scheitern, Errungenschaften oder Rückschläge anhand einer ausgewählten Person, Gruppe oder Bewegung, die beispielhaft für etwas Größeres steht. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Ereignissen im 20 Jahrhundert. Aus feministischer Sicht waren die späten 1960er Jahre im globalen Norden vielerorts von Kämpfen um körperliche Selbstbestimmung, sexuelle Freiheit und berufliche Gleichstellung geprägt, im Globalen Süden ging es eher um Unabhängigkeit von Kolonialherrschaft, Rassismus und politische Rechte von Frauen. Die Beispiele vermitteln einen groben Eindruck davon, welche Themen in welchem historischen Kontext Konjunktur hatten. Wir erarbeiten uns gemeinsam eine eindrückliche Galerie, die sichtbar macht, dass heutige Errungenschaften Ergebnisse vergangener Kämpfe sind, und wir schaffen uns ein Bewusstsein dafür, wem wir diese Errungenschaften verdanken, welche Kämpfe wir weiterführen wollen oder müssen und wo uneingelöste Sehnsüchte und Versprechen noch brach liegen.
Workshop Wo bleibt die Zeit? Feministische Eingriffe in aktuelle Debatten um Arbeitszeitverkürzung
Mit Nina Eumann und Sigrun Matthiesen
Eine Vier-Tage Woche bei vollem Lohnausgleich, die wünschen sich 73 Prozent aller Vollzeit-Beschäftigten, so das Ergebnis einer im Mai veröffentlichten WSI-Umfrage. Kurz zuvor hatte die IG-Metall diese Forderung zum Gegenstand der Tarifverhandlungen in der Stahlbranche gemacht. Zahlreiche europäische Länder haben sie in Pilotstudien erprobt und auch aus der Umweltbewegung kommen Argumente für eine radikale Verkürzung der Regelarbeitszeit. Debatten, die angesichts von Umbrüchen in Produktionstechnologien, verschärfter Konkurrenz um Fachkräfte, Energiewende, Klima- und Care-Krise nur folgerichtig sind. Doch Auseinandersetzung um Arbeitszeit sind immer auch Kämpfe um Machtverhältnisse: Wer schuldet wem auf wessen Geheiß wie viel Zeit? Über wessen Gesundheit, Produktivität, Work-Life-Balance wird gerade in wessen Interesse diskutiert – und welche Arbeiten bleiben dabei unerwähnt? Was kann und soll von wem in der von Erwerbsarbeit befreiten Zeit getan werden?
Diesen Fragen wollen wir gemeinsam nachgehen und herausfinden, welche politischen Forderungen wir als Feministinnen erheben können und müssen, um die aktuelle Arbeitszeit-Debatten emanzipatorisch zu nutzen.
Workshop Feministin sein? Auf den Spuren unserer Erinnerung
Mit Melanie Stitz
„Es fällt mir schwer, mich noch als Feministin zu bezeichnen – manchmal weiß gar nicht mehr, was das bedeutet…“ So und ähnlich haben Teilnehmerinnen im letzten Jahr ihr Unbehagen mit dem Begriff „feministisch“ beschrieben – ein „Label“, mit dem sich derweil sowohl teure T-Shirts als auch bundesdeutsche Außenpolitik „verkaufen“ lässt. In diesem Workshop wollen wir uns an Situationen erinnern, in denen wir noch wussten, wer wir sind oder sein wollen, als wir uns relevant fühlten mit unserer feministischen Kritik oder handlungsfähig in unserem Ringen um Freiheit, Entwicklung und politischen Einfluss.
Dazu wählen wir die Erinnerungsarbeit als Methode und fragen damit nach den Alltagstheorien, die unser Handeln leiten, wie wir uns und andere konstruieren, welchen Platz wir unseren Gefühlen und Interessen einräumen…
Eine Teilnahme an diesem Workshop setzt voraus, schon vorab einen kurzen Text zu verfassen, zu dem Thema: Als ich mich einmal als Feministin positioniert habe. Es sollte sich dabei um eine konkrete Situation / Szene handeln, in der ich mich eingemischt oder das Wort ergriffen habe oder auf andere Weise als Feministin tätig geworden bin.
Auch von der anderen Seite können wir uns dem Thema nähern und stattdessen schreiben zum Thema: Als es mir einmal schwerfiel, mich als Feministin zu positionieren.
Die Situation sollte
- möglichst detailliert
- in der 3. Person („sie“ statt „ich“) beschrieben sein
- und der Text maximal 1,5 Seiten lang, getippt
- und ca. 8 Mal kopiert mitgebracht werden.
Einen Leitfaden zur Methode von Frigga Haug gibt es hier und ein Beispiel hier.
Close Reading: Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse
Mit Jutta Meyer-Siebert und Katharina Schwabedissen
Die Frage, wie Frauenunterdrückung in der kapitalistischen Produktionsweise an das Zueinander von Geschlechter- und Produktionsverhältnissen angebunden ist, wird spätestens seit der Zweiten Frauenbewegung vielfältig diskutiert. Ein verbreiteter Vorschlag war und ist, die Geschlechterverhältnisse als Teil der Produktionsverhältnisse zu bestimmen und in diese einzutragen, um so Frauenunterdrückung als gesamtgesellschaftlich zu lösende Frage auf die Agenda zu bringen. Von der Frauenunterdrückung auszugehen konzentrierte dabei den Blick auf Geschlechterverhältnisse. Was eigentlich Produktionsverhältnisse sind, blieb in den Debatten ausgespart.
Das veranlasste Frigga Haug zu einem Wechsel des Standbeins: „Es ist der Begriff der Produktionsverhältnisse, der neu gefasst werden muss, will man eine Theorie der Geschlechterverhältnisse erarbeiten, welche die Gesellschaftsverhältnisse und ihre Regulierung nicht aus den Augen verliert.“
Das ist ein radikaler und provozierender Eingriff in die feministische wie in die marxistische Debatte.
Wir wollen gemeinsam lesend Frigga Haugs Denken nachvollziehen und unsere eignen Denk- und Handlungspraxen daran diskutieren. Wir schlagen vor, dies mit der Methode Close Reading mit Ausschnitten aus Friggas Text Geschlechterverhältnisse zu tun, die wir zuvor auswählen und für alle mitbringen werden.
Für die, die sich schon vorher ein wenig in den Text einlesen wollen, hier der Link zum Artikel aus dem Historisch Kritischen Wörterbuch des Marxismus.
Den findet ihr im übrigen neben weiteren feministischen Artikeln aus dem Wörterbuch auch in Band 1 des Historisch Kritischen Wörterbuch des Feminismus. Ihr könnt das Buch ihr neben zwei weiteren Bänden für euer Regal mit grundlegender marxistisch-feministischer Literatur hier bestellen: https://argument.de/produkt-kategorie/historisch-kritisches-woerterbuch-des-feminismus/.