Workshops 2026

Der Vorkrieg hat schon lange begonnen – wie können wir Krieg verhindern?

mit Jutta Meyer-Siebert und Biggi Ostmeyer

In ihrem Essay „Kassandra“ – 1983 erschienen in der Hochzeit des „Kalten Krieges“ und der Friedensbewegung zugleich – zeigt Christa Wolf, wie Kassandra sich zerreißt im Nachdenken über den Wahnsinn von Krieg: War ihr Widerstand zu leise? Nicht mutig genug? Zu spät? Sie sinniert:
„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da? Da stünde, unter anderen Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen.“ (76)

Das sind Fragen, die auch uns aktuell umtreiben, denen wir uns aber, anders als Kassandra, nicht im Krieg, sondern – so unsere These – im Vorkrieg stellen können und müssen.

Wir wollen im Workshop versuchen, unsere eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen mit der aktuellen praktischen und ideologischen Militarisierung unseres Lebens zusammenzutragen, auf die Wand zu schreiben:
• Wann hat der Vorkrieg eigentlich begonnen?
• Sind wir an den Punkt gekommen, an dem es kein Zurück mehr gibt?
• Wer sind die „Eigenen“, die uns täuschen? Worin besteht und wie erfolgt die Täuschung?

Unsere Hoffnung ist, dass uns aus all dem, was an der Wand stehen wird, spezifisch feministische antimilitaristische Strategien einfallen werden, die wir sammeln und als Vorschläge für spektakuläres, wirkungsvolles, phantasievolles, lautes, provozierendes, wütendes Eingreifen in unsere kulturell-politischen Aktivitätsfelder zu Hause einbringen können.

Als theoretische Unterstützung schlagen wir vor, uns Claudia Brunners feministische Analyse „Wider den Vorkrieg“ (LUXEMBURG 2/26, https://www.zeitschrift-luxemburg.de/artikel/wider-den-vorkrieg) in Teilen anzueignen.


Welche feministischen Ziele und Erkenntnisse bleiben bei der Militarisierung von Forschung und Wissenschaft auf der Strecke?

Paula Weber und N.N.

Mit sogenannten „Zivilklauseln“ haben sich in Deutschland ca. 70 Universitäten und Hochschulen selbstverpflichtet, ausschließlich zu zivilen Zwecken zu forschen. Im Zuge der aktuellen Militarisierung werden diese Zivilklauseln derzeit vielfach angegriffen und aufgeweicht und der Kampf für eine freie Wissenschaft zum Nutzen ziviler Interessen wird immer härter. Hinzu kommt, dass den staatlichen Kürzungen bei der Finanzierung der Hochschulen eine finanziell sehr gut ausgestattete Bundeswehr als interessengeleiteter Geldgeber gegenübersteht. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Forschung und Wissenschaft (FuW) vor allem in den Dienst von Kriegstüchtigkeit stellt? Welche Produktivkräfte bleiben unentwickelt? Welches Wissen ungedacht? Welche Antworten auf diese Frage finden wir in der feministischen Wissenschafts- und Erkenntniskritik? Welche Anforderungen an FuW ergeben sich aus der Vier-in-einem-Perspektive (Frigga Haug), die auf das >gute Leben für alle< setzt und nicht auf dessen Verachtung durch Krieg?

Im Workshop möchten wir gemeinsam erarbeiten, wie in dieser Gemengelage feministischer Aktivismus im Kampf gegen die Militarisierung der Universitäten aussehen kann: Können Zivilklauseln ein effektiver politischer Hebel sein oder lassen sich an ihnen nur die Kräfteverhältnisse im Kampf gegen Aufrüstung ablesen? Sind andere Institutionen und gesellschaftliche Bereiche (Gewerkschaften, Gesundheit, Schulische Bildung, Beratung) von ähnlichen Abwehrkämpfen gegen Militarisierung betroffen – und was können wir aus den jeweiligen Widerstandserfahrungen lernen?


Wie geschlechtliche Zuschreibungen und Krieg zugleich sabotieren?

mit Melanie Stitz

Männlicher Krieg und weiblicher Frieden: Diese (Arbeits-)Teilung hat eine Jahrhunderte lange Tradition. Weil wir Frauen sind, FLINTA* und/oder Mütter… – das allein reicht nicht aus als Argument gegen Militarismus und Krieg. Es würde bedeuten, die geschlechtliche Arbeitsteilung zu bejahen und unsere „Marginalisierung durch Verharmlosung“ (Frigga Haug) selbst zu betreiben.

Glaubt man den Werbekampagnen der Bundeswehr, dann führt der Weg zu echter Freiheit und Gleichheit einmal mehr durch die Armee. Gegen „naiven Pazifismus“ treten vor allem emanzipierte, pragmatische Frauen auf – als „Markenbotschafterinnen für Krieg und Tod“ (siehe dazu Sabine Schiffer https://www.hintergrund.de/globales/kriege/markenbotschafterinnen-fuer-krieg-und-tod/).

Wie also beziehen wir als Frauen, als FLINTA, Position gegen Krieg und Militarismus, ohne in die so gestellten Fallen zu tappen? Wie sabotieren wir geschlechtliche Dichotomien und Kriege zugleich?

Dazu treiben wir die Gedanken, die Virginia Woolf in ihrem Essay „Drei Guineen“ (1943) entwickelt, noch ein Stück weiter und fragen: Inwiefern kann uns Randständigkeit in Sachen Friedenstüchtigkeit eine Lehrmeisterin sein?

Methoden: gemeinsam lesen, diskutieren, vielleicht auch Analyse des axiomatischen Feldes, Arbeit mit Bodenankern und szenisches Spiel.


Internationale feministische Friedensgeschichte als Inspiration für unseren Widerstand gegen Kriege und Militarisierung

mit Regina Jürgens und Conni Möhring

Frauen haben sich zu allen Zeiten gegen Krieg, Militarismus, Nationalismus und Unterdrückung gewehrt. Sie haben international Netzwerke aufgebaut, Grenzen überwunden, Widerstand organisiert und für eine Welt gekämpft in der nicht Gewalt und militärische Macht, sondern Frieden, soziale Garantien und Solidarität das Zusammenleben bestimmen.

Wir begeben uns spielerisch auf eine Entdeckungsreise durch die Geschichte feministischer Kämpfe, begegnen mutigen Frauen, ihren Ideen, Erfahrungen und Errungenschaften und bringen ihre Geschichten und Debatten mit unseren heutigen Herausforderungen in Verbindung.

Was lässt sich aus dem historischen Widerstand von Frauen gegen Krieg, Militarisierung und Faschismus lernen? Können wir selber eine Geschichte der Hoffnung, Ermutigung, der kollektiven Handlungsfähigkeit schreiben? Was leiten wir für unsere wichtigsten Erkenntnisse und Forderungen für die Gegenwart ab?

Wir arbeiten dazu mit der Methode „Feminist History Walk“. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Wenn du Lust hast, bringe gerne ein Zitat (mit Kontext) von einer von dir ausgewählten historischen Persönlichkeit mit.


Singen gegen den Krieg: Unsere Friedenslieder und ihre Geschichten

mit Julia Killet und Anna Conrads

Musik begleitet politische Kämpfe: Sie stiftet Gemeinschaft, bewahrt Erinnerungen, gibt Protesten eine Stimme und kann Mut machen, wenn die Zeiten schwierig sind. In dem Workshop, der am Samstag in das Abendprogramm einfließen wird, möchten wir und mit Friedens- und Antimilitarismusliedern zwischen Friedfertigkeit und Widerstand, Schutz und Selbstermächtigung, Pazifismus und der Frage nach legitimer Gegenwehr beschäftigen.

Ausgehend von unseren eigenen Lieblingsliedern wollen wir uns gemeinsam auf eine musikalische Reise durch unterschiedliche Zeiten und Kämpfe begeben. Welche Friedens- und Antimilitarismuslieder haben uns geprägt? Welche Lieder verbinden wir mit feministischen, linken oder antimilitaristischen Bewegungen? Welche Geschichten von Krieg, Frieden und feministischen Kämpfen erzählen uns die Lieder und was bleibt unerzählt? Welche Widersprüche tragen die Lieder in sich, und welche Bedeutung haben sie für uns heute?

Frigga Haug, Begründerin der Feministischen Herbstakademie, hat mit Blick auf Bertolt Brecht und Rosa Luxemburg immer wieder betont, wie wichtig es ist, Widersprüche nicht zu verstecken oder aufzulösen, sondern sie politisch produktiv zu machen. Wir wollen gemeinsam ausprobieren, ob und wie das auch mit Friedensliedern möglich ist.
Und natürlich wird auch gesungen: Zum Abschluss wollen wir einige der Lieder gemeinsam anstimmen und so die politische Liedkultur nicht nur analysieren, sondern gemeinsam erlebbar machen.

Bitte reicht uns im Vorfeld der Konferenz eure persönlichen Lieblings- oder Erinnerungslieder ein. Das gilt für alle Teilnehmenden der Konferenz, nicht nur für die, die an dem Workshop teilnehmen. Aus euren Vorschlägen entsteht eine gemeinsame Playlist. Die Ergebnisse und Lieder unseres Workshops fließen anschließend in die Abendgestaltung am Samstag ein.

Anna Conrads, aus Neuss und Duisburg, singt bei Anna und Simon, arbeitet bei Ver.di und hält Musik für (über)lebenswichtig. Julia Killet, aus St. Hubert und Berlin, sing Tenor im Betriebschor „Rosa singt“ und arbeitet als Referentin für historisch-biographisches Lernen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.


Die Workshop-Anbieterinnen verstehen sich selbst als Teilnehmerinnen. Zugleich ist jede Teilnehmerin eingeladen, passend zum Oberthema der Herbstakademie selbst einen Workshop anzubieten.

Du hast eine Frage oder ein Thema, das du gerne mit anderen zusammen bearbeiten willst? Du möchtest gern etwas beitragen oder methodisch ausprobieren?
Schreib eine E-Mail an melanie.stitz@rosalux.org und wir melden uns dann bei dir!